Favela-Tourbericht – Feedback – Rezension

Foto: Wolfgang Besche ©

Foto: Wolfgang Besche ©

Hallo Wolfgang,
es ist zwar schon ein paar Tage her, aber dennoch möchten wir die Gelegenheit nutzen, uns bei Dir nochmal für die toll organisierten und schönen Ausflüge während unseres Urlaubes in Recife zu bedanken. War eine Super-Idee, Dich als Reiseführer zu buchen - allein schon wegen der sprachlichen Barrieren, aber so lernten wir auch ein paar besonders schöne und sehenswerte „Geheimtipps“ kennen!

Ein besonders beeindruckendes Erlebnis möchte ich an dieser Stelle nochmal hervorheben und ein paar mehr Worte verlieren: Die Favela-Tour! Sie gehört tatsächlich zu einem meiner prägendsten Erlebnisse! Wie Du weißt, stand ich einem Besuch in so einem Armenviertel erst äußerst skeptisch gegenüber. Auch unser Gespräch vorab konnte das nicht ganz wegwischen, wenngleich ich mich zumindest zu diesem Ausflug überreden ließ. Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich würden die dort lebenden Menschen nur als „Gaffer“ ansehen - jemand, der sich sensationslüstern am Elend dieser Leute ergötzt. Das wollte ich nun wirklich nicht!
Doch meine Bedenken waren letztendlich doch unbegründet! Favela - ja na klar kannte ich den Begriff und natürlich hatte ich schon mal einen Bericht im TV gesehen und hatte dementsprechende Vorstellungen. Aber schon während unseres Besuches in Peixinhos wurde mir klar, dass es doch irgendwie etwas anders ist - teilweise sogar falsch, denn was bei uns im TV manchmal als „ brasilianische Favela“ gezeigt wird, ist in Wirklichkeit gar keine, sondern gilt in Brasilien als untere bis normale Mittelschicht.
Einerseits sieht man ein riesiges, modernes und hübsch beleuchtetes Einkaufszentrum, mit viel Glanz und Glamour. Aber 3 Straßen weiter, quasi nur einmal falsch abgebogen, stünde man mit seinen prall gefüllten Einkaufstaschen inmitten bitterster Armut. Allein schon dieses Bild im Kopf sucht seinesgleichen!
Baufällige Hütten, teilweise aus Müll gebaut, kein fließend Wasser, nicht überall Strom, alte Matratzen zum Schlafen auf dem Boden zwischen den Haustieren, überall Müll - das alles war wirklich schlimm anzusehen,  entsprach aber auch weitestgehend meinem Bild im Kopf.

Eine völlig falsche Vorstellung und regelrecht positiv überrascht war ich jedoch von den Menschen dort. Zu welcher Hütte wir auch kamen, überall empfingen uns die Bewohner freundlich. Ein einfaches „Bom dia“ und ein Lächeln reichte ja oft schon als Einleitung zu einem netten Gespräch aus. Ich glaube, ganz wichtig war das von Dir im Vorfeld empfohlene zurückhaltende und respektvolle Gegenübertreten, wonach viele Leute bereit waren, offen über ihr Leben dort und die herrschenden Zustände zu reden und sogar Einblicke in ihre „barracos“ zu geben. Auch ein paar eindrucksvolle Fotos waren so möglich. In den Gesprächen zu erfahren, dass die Menschen dort größtenteils einer Arbeit nachgehen und Geld verdienen, sich aber trotzdem nur in so einem Armenviertel eine Behausung leisten können – das stimmte mich extrem nachdenklich. Es wirkte irgendwie so surreal und andererseits sogar ein Stück weit vertraut. Die Menschen dort unterhalten sich, lachen, feiern Feste. Die Kinder spielen draußen, Mädchen machen sich hübsch und gehen weg, die Jungs treffen sich zum Fußball spielen oder Musik hören - ist doch eigentlich gar nicht viel anders bei uns. Hätte man die Augen zu, hätte man fast Bilder einer kleinen heilen Welt im Kopf. Doch die Augen waren nicht zu und vermittelten Bilder, die dem Gehirn schwer fielen einzuordnen und zu verarbeiten. Denn vieles dreht sich um Müll. Eine Schaukel ist ein alter Autoreifen, mit Stricken angebunden an einem Ast und der Fußball ist eine aus alten Plastikflaschen zusammengepresste und zusammengebundene Kugel - und trotzdem schaut man in strahlende Kindergesichter. Sehr traurig stimmte mich das Bild, dass einige Kinder und Jugendliche, statt in der Schule zu sitzen, am Arbeiten waren - wobei die Arbeit aus dem Sortieren von Müll bestand. Das alles für etwas Kleingeld, um die Familie beim Erhalt ihrer Behausung oder der Beschaffung von Lebensmitteln zu unterstützen.
Aber, in den Gesprächen hier und da mit den Bewohnern wurde mir auch klar, dass sie sich ihrer Lage durchaus bewusst sind. Sie wissen, dass es ein anderes Leben „draußen“ gibt, auch dass ihre Situation durchaus geändert werden könnte. Doch sie fühlen sich von der Gesellschaft bzw. der Politik im Stich gelassen. Auf sich allein gestellt können sie nur das Beste daraus machen, wobei ich das Wort „gut“ kaum angebracht finde, schon gar nicht in einer gesteigerten Form. Trotz alledem war aber irgendwie zu spüren – auch wenn das jetzt vielleicht erneut etwas absurd klingt – dass sich die Menschen dort etwas von ihrer Ehre und ihrem Stolz bewahrt haben. Ich glaube, der Zusammenhalt in so einer Gemeinschaft ist recht groß und man hilft sich gegenseitig viel. Für mich bemerkenswert war auch, dass wir auf der Tour nicht ein einziges Mal in irgendeiner Form angebettelt wurden, auch nicht von den Kindern. Von Dir habe ich gelernt, dass bei aller Bedürftigkeit das Anbetteln der Besucher für die Menschen dort gar nicht in Frage käme, noch nicht mal würden sie Geld annehmen, da es ihr Ehrgefühl verletzten würde. Ganz im Gegenteil! Die Kinder dort haben so wenig, aber auch das waren sie noch bereit zu teilen. Mit einer gewissen Rührung erinnere ich mich an das kleine Mädchen, die uns ein Stück des Weges begleitete. Stolz präsentierte sie ihre Fahrkünste auf dem Kinderfahrrad und zum Schluss teilte sie sogar ihre Bonbons mit dem Mädchen aus unserer Besuchergruppe!

Vielen Dank, lieber Wolfgang, für diese überwältigende Erfahrung! Wenn ich mir die Bilder unserer Favela-Tour heute ansehe, weiß ich, dass sie auf „Dritte“ kaum mehr wirken, als Bilder im TV. Bei mir lösen sie jedoch tief geprägte Erinnerungen aus. Im Nachhinein bin ich wirklich froh und dankbar für diese einzigartige Erfahrung! Hier in Deutschland läuft ja auch nicht alles glatt und hier und da regt man sich über ein paar Dinge auf. Aber gemessen an den Bedingungen, wie ich sie in Peixinhos aus erster Hand erleben durfte, wirkt nahezu jeder Aufreger hier regelrecht lächerlich. So unterschiedlich können das Leben und die Ansprüche heutzutage sein.

Einen letzten Satz möchte ich unserem Tourguide vor Ort Renato widmen. Auch oder gerade durch ihn haben wir eine Menge über das Leben in einer Favela gelernt. Seine Arbeit und sein Leben der Comunidade zu widmen, ist aller Ehren wert! Vor allem sein Engagement in Projekten für die Kinder ist sehr beeindruckend und verdient allerhöchsten Respekt!

Ich freue mich sehr auf ein Wiedersehen mit Dir und Renato!

Viele Grüße aus dem Bremer Umland
Ringo

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Wolfgang Besche